Wie werde ich...? Schiffbau-Ingenieure bauen die Transporter des Welthandels
Von Horst Heinz Grimm, dpa
Hamburg/Papenburg (dpa/gms) - Die vollen Auftragsbücher deutscher Werften und die boomende Schifffahrt bringen neue Arbeitsplätze. Besonders für Schiffbau-Ingenieure. «Der Bedarf an ausgebildetem Nachwuchs liegt bei 120 bis 125 Kräften pro Jahr», stellt Ralf Sören Marquardt vom Verband für Schiffbau und Meerestechnik (VSM) in Hamburg fest. An den Hochschulen machen derzeit nur etwa 70 Studierende ihren Abschluss.
Marquardt sieht wie auch andere Branchenkenner «eine anhaltende Nachfrage» in diesem Beruf und nennt strukturelle Gründe: «Durch High-Tech im Schiffbau werden immer mehr Ingenieure gebraucht. Dazu kommt die Altersstruktur, die Nachwuchs notwendig macht.» In den vergangenen 20 Jahren sei der Anteil von Ingenieuren auf den Werften von drei auf mehr als zwölf Prozent gestiegen. Bei der abgelieferten Tonnage steht Deutschland in Europa an erster Stelle, weltweit auf Platz vier.
Ein gut ausgebildeter Schiffbau-Ingenieur findet ein breites Betätigungsfeld. Er arbeitet im Team in der Werftindustrie und in Konstruktionsbüros sowie bei Schiffbauzulieferfirmen, Klassifikationsgesellschaften, Aufsichtsbehörden und Reedereien. Ein weiteres Tätigkeitsfeld sind Forschung und Lehre. Nicht zufällig haben die deutschen Ingenieure weltweit einen sehr guten Ruf.
Sechs Hochschulen bieten in Deutschland Studiengänge im Schiffbau. Zur Zeit sind etwa 900 Studierende eingeschrieben. Ohne allgemeine Hochschulreife kann man an der Fachhochschule Kiel und der Hochschule Bremen praxisnah studieren und nach sechs beziehungsweise sieben Semestern mit dem Bachelor abschließen. Auch an der Universität Duisburg-Essen, die sich auch auf Binnenschiffbau konzentriert, können Bewerber mit Fachhochschulreife Zugang erhalten.
Das auf zehn Regelsemester angelegte Studium der Ingenieurwissenschaften setzt an den Universitäten Bremen, Rostock und Hamburg-Harburg die Hochschulreife voraus. «Während des Grundstudiums kann problemlos die Fachrichtung gewechselt werden», sagt Marquardt. «Vom Maschinenbau oder Fahrzeugbau kann man in den Schiffbau wechseln.» Die Spezialisierung erfolgt im anschließenden Fachstudium. In die Studienzeit fallen zudem 26 Wochen Praktika.
Eine Sonderstellung nimmt die Technische Universität Hamburg-Harburg ein: «Hier gibt es den einzigen universitären Studiengang Schiffbau in Deutschland», erklärt Marquardt, der an der TU promoviert hat. «Es ist der größte Standort und hat die meisten Planstellen für Schiffbau-Professoren.» Einer von ihnen ist Stefan Krüger, der wie seine Kollegen praktische Erfahrungen in leitender Position in der Industrie gesammelt hat. «Das Studium bei uns ist extrem breit ausgerichtet, es wird viel Wissen vermittelt.»
Um den Bedarf an Nachwuchs zu erfüllen, werden in Harburg die Kapazitäten erhöht. «Derzeit sind 160 Studenten und 26 Studentinnen im Studiengang Schiffbau immatrikuliert», so TU-Sprecherin Jutta Werner. Doch nur etwa 40 Prozent der Anfänger beenden es auch. «Das Studium ist sehr schwer», sagt Prof. Stefan Krüger.
Neun große deutsche Werften bieten überdies eine spezielle Berufsausbildung zum Facharbeiter und Ingenieur zugleich an. Die Vorteile des so genannten dualen Studiums beschreibt Dirks Kreutzmann von der Meyer-Werft in Papenburg. «Es dauert insgesamt viereinhalb Jahre. Sonst müssten sieben Jahre investiert werden.» Ein weiterer Vorteil ist, dass die angehenden Ingenieure in der gesamten Zeit eine Ausbildungsvergütung von anfangs 670 bis 837 Euro erhalten und somit nicht nebenbei jobben müssen. Die Einstiegsgehälter beginnen bei 30 000 Euro pro Jahr, qualifizierte Kräfte verdienen schnell mehr.
Wenn keine Vorlesungen stattfinden, steht die Arbeit in der Werft auf dem Plan. Urlaub gibt es nur nach Tarif, Schulferien bleiben unberücksichtigt. «Wenn einer eine Klausur nicht schafft, muss er sie in seinem Urlaub wiederholen», betont Kreutzmann. «Diese Ausbildung ist nur etwas für leistungsstarke Leute und nichts für Rumhänger.» Die Werft hat vor fünf Jahren mit diesem Programm begonnen und «sehr gute Erfahrungen» gemacht.
Schiffbau-Ingenieur galt lange Zeit als Männerberuf. Mittlerweile interessieren sich auch Frauen dafür. Marquardt veranschlagt den Anteil der weiblichen Studienanfänger auf «um die zehn Prozent».
Ein ganz wichtiger Aspekt in diesem Beruf sind Sprachen. «Auf einer modernen Werft gehören exzellente Englischkenntnisse zu den unverzichtbaren Einstellungsvoraussetzungen», unterstreicht Marquardt. «Der Schriftwechsel wird überwiegend in Englisch geführt.» Auch dies ist ein Indiz für die internationale Bedeutung der deutschen Schiffbauindustrie.
Informationen: www.vsm.de.