Umgangsformen sind in Freien Berufen besonders wichtig
Berlin (dpa/gms) - Auch in diesem Jahr werden wieder einige Hundert Lehrstellen in den so genannten Freien Berufen unbesetzt bleiben. Das liegt zum einen an schlechten schulischen Leistungen der Bewerber, zum anderen ihren mangelnden Umgangsformen, so der Bundesverband der Freien Berufe in Berlin. «Wenn Sie etwa in einer Rechtsanwaltskanzelei oder in einer Zahnarztpraxis arbeiten, müssen sie sich benehmen können», sagte der Geschäftsführer des Verbandes, Marcus Kuhlmann, dem dpa/gms-Themendienst. Gutes Benehmen und ein gewisses Ausdrucksvermögen seien in der Branche daher besonders gefragt.
Es geht dabei laut Kuhlmann um «normale Tugenden»: Dazu gehören Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit. «Wir erleben trotzdem immer wieder, dass Bewerber zu spät zum Vorstellungsgespräch kommen oder sogar ihre Füße auf den Tisch legen.» Manche Bewerber seien auch nicht bereit, ihr auffälliges Outfit zu Gunsten einer Lehrstelle zu überdenken: «Piercings kommen gerade bei älteren Patienten oder Mandanten nicht immer gut an», erklärt Kuhlmann.
Was die schulischen Qualifikationen angeht, hapere es bei vielen Bewerbern schon grundsätzlich am Rechnen und Schreiben, so Kuhlmann. «Da kommen Bewerbungen rein, bei denen wundert man sich nicht, wenn die Leute kein Angebot bekommen.» Die mangelnde schulische Qualifikation bei Bewerbern sei jedoch kein neues Phänomen. «Das hat es vor 10 oder 20 Jahren auch schon gegeben.» Allerdings fielen solche Defizite noch stärker ins Gewicht, wenn die Zahl der Lehrstellen insgesamt abnimmt.
Dem Verband zufolge ist zum Beispiel die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge im Beruf Steuerfachangestellter seit 1992 um knapp 47 Prozent zurückgegangen. Ähnlich sieht die Entwicklung bei Zahnarzthelfern, Rechtsanwalts- und Notarfachangestellten oder Arzthelfern aus. «Die Gründe dafür sind komplex», sagt Hans Dietrich vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg.
Beispielsweise lasse die wirtschaftlich schwierige Lage vor allem kleinere Betriebe vor möglichen Kosten der Ausbildung zurückschrecken. Die im Vergleich zu anderen Berufen eher niedrigen Ausbildungsvergütungen bergen zudem die Gefahr, dass sich qualifiziertere Bewerber eher für andere Berufe interessierten.
Auch Hans Dietrich weiß um die mangelnden Umgangsformen mancher Bewerber. Hoffnungslos seien solche Fälle jedoch nicht zwangsläufig. Soziale Kompetenz könne man immer noch erwerben, zum Beispiel in Kursen der Bundesagentur oder an einer Volkshochschule.