Bei Lehrstellensuche auch persönlichen Kontakt aufnehmen
Von Sven Appel, dpa
Berlin/Hamburg (dpa/gms) - Rechnerisch fehlen in diesem Jahr wieder 31 000 Lehrstellen. Politiker, Gewerkschaftler und Unternehmer streiten deshalb, ob der so genannte Ausbildungspakt gescheitert ist. Währendessen arbeiten immer noch Tausende Schulabgänger an ihren Bewerbungen - für die Suche nach einer Lehrstelle ist es noch nicht zu spät: Geeignete Kandidaten werden nicht nur bis August, sondern teilweise auch noch im Herbst eingestellt. «Und zur Zeit gibt es überall noch Chancen», sagt Ute Brüssel, Pressesprecherin des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) in Berlin.
Die Handelskammer Hamburg zum Beispiel verzeichnet allein in ihrem Bereich derzeit 715 noch nicht vergebene Lehrstellen. In welchen Berufen diese Plätze vor allem zu finden sind, weiß Thorsten Koletska, Referent für Berufsbildung bei der Handelskammer der Hansestadt: Gesucht werden besonders angehende Speditionskaufleute, IT-Kaufleute, Fachinformatiker, Hotelkaufleute und auch Azubis für den Beruf des Bürokaufmanns.
Auch die Arbeitsagentur Hamburg kann viele freie Lehrstellen vermelden. Gesucht werden zum Beispiel Azubis als Fachkraft im Gastgewerbe, als Drogist oder Gebäudereiniger. Aber auch im Baugewerbe gibt es trotz wirtschaftlich bescheidener Lage Ausbildungschancen.
Im Handwerk geht auch darüber hinaus noch was: «Es gibt noch viele offene Lehrstellen. Allerdings sind diese nicht gleichmäßig verteilt», erläutert Axel Fuhrmann, Geschäftsführer für den Bereich Berufsbildung in der Handwerkskammer Düsseldorf. Es lohne sich daher, auch in einer Nachbarregion, 20 oder 30 Kilometer entfernt, nach einem Ausbildungsplatz Ausschau zu halten.
Wer jetzt noch keine Lehrstelle hat, sollte allerdings nicht allein auf Bewerbungsschreiben bauen. «Besser ist es, die Betriebe mit den Bewerbungsunterlagen unterm Arm abzuklappern», rät Fuhrmann. Ohnehin ist der persönliche Kontakt bei der Bewerbung sehr wichtig. Vor allem kleine Unternehmen inserieren gar nicht in der Zeitung oder im Internet, und sie wenden sich auch nicht an eine Arbeitsagentur, obwohl sie vielleicht einen Lehrling einstellen wollen.
«Die bekommen dann so viel Post, dass sie Wochen bräuchten, um die Bewerbungen neben ihrer eigentlichen Arbeit zu sichten», erklärt Fuhrmann. Hinzu kommt, dass der Bewerber so unter Umständen mit seiner Persönlichkeit überzeugen kann. Auf diese Weise bekommen auch Schulabsolventen vielleicht eine Chance, die kein Super-Zeugnis in der Tasche haben.
Doch ohne gute schulische Leistungen geht es heute oft nicht mehr. Das bedeutet nicht, dass man für jede Berufsausbildung Abitur benötigt: «In unserem Bereich sind von 11 000 Azubis 60 Prozent Hauptschüler», so Bernd Sieber, Geschäftsbereichsleiter Bildung in der Handwerkskammer Rhein-Main. Dennoch nehmen die Anforderungen zu. Während man zum Beispiel früher schon Talent zum Kfz-Mechaniker bewies, indem man sein Mofa erfolgreich frisierte, seien heute in der Regel gute Noten in den naturwissenschaftlichen Fächern sowie ein gewisses schriftliches und mündliches Ausdrucksvermögen Voraussetzung.
«Ein großes Problem ist die Selbstüberschätzung vieler Bewerber», sagt Fuhrmann. Das heißt, sie bewerben sich für eine Ausbildung, für die sie nicht geeignet sind. Bei einer realistischen Einschätzung der eigenen Fähigkeiten helfen Eltern, Lehrer und die Arbeitsvermittlung.
Und es gibt ein weiteres Problem: Einer Umfrage des DIHK zufolge kann jedes zwölfte Unternehmen Lehrstellen nicht besetzen, weil geeignete Bewerber fehlen. In der Praxis heißt das, die jungen Leute können sich nicht vernünftig ausdrücken, beherrschen einfache Rechenaufgaben nicht oder benehmen sich schlecht. «Manche kommen nicht mal zum Bewerbungsgespräch», sagt Sieber.
Wer bis zum Spätsommer keinen Ausbildungsplatz mehr bekommt, sollte dennoch nicht den Kopf in den Sand stecken: Die Handwerks- und Handelskammer sowie die Arbeitsagenturen bieten eine so genannte Nachvermittlung an, bei der jene Schulabgänger in Lohn und Brot gebracht werden sollen, die bis dato leer ausgegangen sind.
Außerdem gibt es die so genannte Einstiegsqualifizierung: In einem bezahlten Praktikum von sechs bis zwölf Monate können sich Bewerber in einem Unternehmen praktisch bewehren. «In Hamburg wurden bisher 66 Prozent der Teilnehmer in ein Ausbildungsverhältnis übernommen», sagt Thomas Koletska von der Handelskammer. Das ist eine große Chance für Leute mit eher mäßigen Zeugnissen.