Neue Berufe - Fachangestellte sollen Markt- und Sozialforscher entlasten
Von Sabine Schrader, dpa
Frankfurt/Main/Hamburg (dpa/gms) - Keine Wahl ohne Wahlprognose, kaum ein neues Produkt ohne Marktanalyse. In Fußgängerzonen und Teststudios, im Internet oder per Telefon werden Verbraucher und Wähler nach ihren Vorlieben befragt. Markt- und Sozialforschung ist ein komplexes Feld, in dem vorwiegend Akademiker arbeiten. Doch sie sind für viele Routineaufgaben überqualifiziert. Deshalb gibt es seit dem 1. August den neuen Ausbildungsberuf «Fachangestellte/r für Markt- und Sozialforschung».
«Um eine Studie durchführen zu können, sind viele Schritte notwendig», erklärt Erich Wiegand, Geschäftsführer des Arbeitskreises Deutscher Markt- und Sozialforschungsinstitute (AMD) in Frankfurt/Main. Zu den Aufgaben der Fachangestellten für Markt- und Sozialforschung gehöre es, die einzelnen Forschungsschritte innerhalb eines Instituts zu organisieren und zu koordinieren.
«Die Fachangestellten assistieren den Wissenschaftlern», sagt Martin Elsner vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in Bonn. Typische Tätigkeiten seien die Vorbereitung von Interviewleitfäden, die Schulung und Betreuung von Interviewern und die erste Aufbereitung der Daten. Ob die Ausbildung innerhalb der Marktforschung oder in einer Einrichtung erfolgt, die sich der Erforschung sozialer Daten widmet, spielt dabei keine Rolle: «Die Forschungsgegenstände unterscheiden sich, nicht jedoch die Methoden», erklärt Erich Wiegand.
Drei Jahre dauert die Ausbildung. «Im ersten Jahr erhalten sie Einblicke in die unterschiedlichen Bereiche der Marktforschung», sagt Nicole Vorwerk, Ausbilderin der Ipsos Marktforschung in Hamburg. Einsatzbereiche könnten etwa Terminierungs- und Koordinationsaufgaben für einzelne Projekte sein. Im letzten Ausbildungsjahr sollen die angehenden Fachangestellten eigenständig arbeiten können und zum Beispiel Präsentationen in Absprache mit den Forschern vorbereiten.
Laut Rahmenlehrplan geht es im ersten Berufsschuljahr vor allem um die Analyse von Geschäftsprozessen in der Markt- und Sozialforschung. Außerdem wird gelehrt, wie Dienstleistungen angeboten und Projekte geplant werden. Im zweiten Ausbildungsjahr stehen unter anderen die Projektvorbereitung und deren Durchführung sowie die Datenauswertung auf dem Lehrplan. Im dritten Jahr sollen die Auszubildenden in der Berufsschule unter anderem lernen, wie Projektdokumentationen und Präsentationen erstellt werden.
«Die Fachangestellten werden so ausgebildet, dass sie später Teile einer Untersuchung selbstständig durchführen können», sagt Nicole Vorwerk. Mit wachsender Berufserfahrung ergeben sich zudem Aufstiegschancen. «Die Fachangestellten für Markt- und Sozialforschung können etwa die Leitung des Telefonstudios übernehmen, von dem aus die Befragungen durchgeführt werden», erklärt Erich Wiegand. Das berufliche Fortkommen stoße hingegen an seine Grenzen, wenn es um die konzeptionelle Planung von Studien oder die Entwicklung neuer Forschungsinstrumente gehe, so der ADM-Geschäftsführer.
Bei ihren Aufgaben sind die Fachangestellten alles andere als Einzelkämpfer. «Sie kooperieren mit den akademisch ausgebildeten Forschern und mit den unterschiedlichen Abteilungen in den Instituten», erklärt Erich Wiegand. Darüber hinaus seien sie in die Abstimmungsprozesse mit den Auftraggebern eingebunden. Kommunikationsstärke und Teamfähigkeit seien für den Beruf deshalb wichtig.
«Wer kein mathematisches Verständnis hat und keine Freude am abstrakten Vorgehen, ist in diesem Beruf falsch», sagt Martin Elsner. Ein bestimmter Schulabschluss als Voraussetzung für die Ausbildung ist nicht vorgeschrieben. «Die Ausbildungsbetriebe suchen sich ihre Auszubildenden aber sehr genau aus. Sie werden zumindest in der Regel einen Realschulabschluss, manchmal auch das Abitur haben», so der BIBB-Experte.
Neben guten Mathematikkenntnissen seien Sprachkenntnisse eine wichtige Voraussetzung: «In der Marktforschung entwickelt sich Englisch zunehmend als Geschäftssprache», sagt Erich Wiegand. Hinzu kämen Genauigkeit und Gewissenhaftigkeit als wichtige Eigenschaften.
Insgesamt arbeiten bundesweit 10 000 bis 12 000 Beschäftigte in der Markt- und Sozialforschung. Martin Elsner vom BIBB beziffert die Zahl der Mitarbeiter, die derzeit die Aufgaben der künftigen Fachangestellten leisten, auf 3000. «Um den durch Fluktuation entstehenden Bedarf abzudecken, werden 150 Ausbildungsplätze jährlich anvisiert.»
Tarifvereinbarungen für den neuen Beruf gibt es nicht. Nach einer Empfehlung der Handelskammer Hamburg sollte die Vergütung im ersten Ausbildungsjahr 490 Euro, im zweiten 540 Euro und im letzten Jahr 590 Euro betragen. Was nach der Ausbildung verdient wird, ist je nach Institut unterschiedlich. «Langfristig hängen die
Verdienstaussichten auch davon ab, wie engagiert die Fachangestellten sind und wie viel Wissen sie sich angeeignet haben», sagt Nicole Vorwerk.
Internet: Bundesinstitut für Berufsbildung: www.bibb.de/de/21694.htm, Arbeitskreis Deutscher Markt- und Sozialforschungsinstitute: www.adm-ev.de