Zwischen Schönfärberei und Betrug Die frisierte Bewerbung

Von Britta Schmeis, dpa

München/Düsseldorf (dpa/gms) Mit der Bewerbung ist es wie mit einem perfekten Outfit: «Die Vorzüge betonen, die Handicaps kaschieren», lautet die Empfehlung der Karriereberaterin Madeleine Leitner aus München. Schließlich seien die Anforderungen in manchen Stellenausschreibungen geradezu utopisch. «Die Firmen wollen damit auch abschrecken, damit sie nur 100 und nicht 1000 Bewerbungen durchsehen müssen.» Daher müssten Interessenten ihre Bewerbung sehr genau auf die Ausschreibung hinschreiben.

Für Leitner gibt es daher die weißen und die schwarzen Lügen. «Die schwarzen sind die Unwahrheit, die weißen das Verschweigen», sagt sie. Der eine oder andere Bewerber allerdings entwickelt bei der Darstellung seiner Biografie allzu viel Fantasie und Kreativität. Falsche Zeugnisse, frei erfundene akademische Titel und nie absolvierte Arbeitsstationen sind keine Seltenheit.

«Wir haben da schon fast alles erlebt», sagt Manfred Lotze von der Wirtschaftsdetektei Kocks in Düsseldorf. Das beginne bei Schönfärberei, etwa wenn jemand schreibt, er habe in seinem alten Job Personalverantwortung gehabt, tatsächlich aber nur einen Auszubildenden unter sich hatte. «Wenn er in der neuen Stelle aber 100 Leute verantworten soll, kann das schnell zu einem Problem werden, weil er die notwendige Erfahrung und Kompetenz gar nicht hat», gibt Lotze zu bedenken. Auch Lücken im Lebenslauf würden gerne kaschiert. «Da erfindet ein Außendienstler eine Selbstständigkeit, dabei hatte er seinen Führerschein verloren», erzählt der Detektiv.

Statt handfester Lügen rät Leitner, möglichst alles weg zu lassen, was Irritationen erzeugen könnte. Schließlich könne jede merkwürdig erscheinende Information dazu führen, schon im Vorfeld aussortiert zu werden. Und das Ziel müsse schließlich sein, zunächst zum Gespräch eingeladen zu werden. Lotze hat da jedoch seine eigene Meinung: «Etwa 70 Prozent meiner sonstigen Täter, beispielsweise im Fall von Managerkriminalität, haben schon bei der Bewerbung geschummelt.» Will heißen: Wer bei der Bewerbung lügt, macht das womöglich auch später.

Nicht immer, meint Leitner. Denn oftmals überzeugten die Bewerber erst beim Gespräch und später im Job. «Ich kenne eine Frau, die über eine Zeitarbeitsfirma immer wieder Jobs als Sekretärin bekommen hat und stets angab, dass sie 49 Jahre alt ist, obwohl sie weit über 50 war», erzählt die Karriereberaterin. Ein Schaden sei den Firmen dadurch nicht entstanden. Zudem verweist sie auf Opersänger und Schauspieler. «Die schummeln immer beim Alter», sagt sie.

Karriereberaterin Leitner empfiehlt zudem, Gemeinsamkeiten des eigenen Werdegangs mit den Anforderungen der neuen Stellung herauszuarbeiten. «Man darf durchaus seine Biografie glätten», sagt sie. Ein Ingenieur im Brauereiwesen könne etwa angeben, er habe ein ingenieurwissenschaftliches Studium. Gelogen sei das schließlich nicht.

Am häufigsten wird nach Erfahrung von Jochen Meismann von der Wirtschaftsdetektei ConDetect in Dorsten (Nordrhein-Westfalen) bei den Fremdsprachen zu dick aufgetragen. «Das ist bei den gängigen Sprachen aber sehr schnell zu überprüfen, indem man im Bewerbungsgespräch einfach einen Muttersprachler dazu holt und Teile der Unterhaltung dann in der Fremdsprache führt», sagt der Wirtschaftsdetektiv. Leitner hingegen hält es für durchaus legitim, eine etwas schwammigere Formulierung in den Unterlagen zu wählen: «Bis zum Jobantritt kann man die Kenntnisse dann ja noch auffrischen.»

Und auch die Wirtschaftsdetektive halten kleine Schummeleien noch für die harmlose Variante. Wer allerdings Zeugnisse fälscht, sich eigene Beurteilungen schreibt oder über seinen Werdegang lügt, begeht strafbare Handlungen bis hin zu betrügerischen Täuschung. «Wir haben schon Bewerber erlebt, die Zeugnisse von Firmen eingereicht haben, die seit Jahren insolvent sind», berichtet Meismann. Auch das Zeugnis der Freundin, in dem nur Name und Geburtsdatum geändert sind, gehöre inzwischen zum Standardrepertoire von Bewerbungsschummlern. «Das ist Urkundenfälschung», warnt Meismann.

Die Technik macht all das möglich. «Vor 25 Jahren kamen frisierte Bewerbungen längst nicht so oft vor», sagt Meismann. Schließlich sei es wesentlich schwieriger gewesen, sich Blankobriefbögen von Firmen, Unis oder Institutionen zu besorgen und dann zu manipulieren. «Heute kommt man dank des Internets viel einfacher an Informationen. Und modernste Kopierer, Scanner und Computer machen das Fälschen extrem einfach», so der Detektiv. Doch allzu oft fliegt der Schwindel früher oder später auf. «Manchmal reicht ein Anruf bei der ehemaligen Firma», sagt Lotze, «und schon ist der Bewerber enttarnt.»