Neue Ausbildung: Versicherungskaufleute werden Finanzexperten

Von Andreas Heimann, dpa

Kiel/München (dpa/gms) - In der Versicherungsbranche ist viel in Bewegung. Dreimal ist in den vergangenen zehn Jahren die Ausbildungsverordnung erneuert worden, zuletzt in diesem Sommer. Seitdem hat der Beruf auch einen neuen Namen: Die Azubis werden zu Kaufleuten für Versicherungen und Finanzen ausgebildet. Die neue Verordnung folge den aktuellen Trends der Branche und lege größeres Gewicht auf Kundenorientierung, Beratungskompetenz sowie Kenntnisse bei Vorsorge- und Finanzprodukten, heißt es beim Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in Bonn.

Die Zeichen der Zeit stehen auf Stellenabbau. Allein der Branchenführer Allianz hat angekündigt, mehrere tausend Jobs zu streichen. Das trifft vor allem den Innendienst. Der Vertrieb dagegen wird nach Einschätzung der Experten zulegen. Und immer öfter werden es Versicherungskaufleute mit Produkten zu tun haben, die sie bisher den Bankkaufleuten überlassen mussten.

Nur mit Haftpflichtschäden und Teilkasko-Policen haben Versicherungskaufleute schon lange nicht mehr zu tun. Themen wie Altersvorsorge spielten schon in den vergangenen Jahren eine immer wichtigere Rolle. «Aber sie hatten in der Ausbildung noch nicht das Gewicht wie jetzt», sagt Lutz Schlünsen, Ausbildungsleiter bei der Provinzial Versicherung in Kiel. Ebenfalls an Bedeutung gewonnen hätten kommunikative Fähigkeiten: «Die sind bei Beratungsgesprächen unverzichtbar.»

Thomas Schubarth findet diese Akzentverschiebung durchaus positiv: Die Berufsperspektiven werden nach seiner Einschätzung eher größer, wenn sich die Lehrlinge nicht nur mit Versicherungsprodukten auseinandersetzen müssen, sagt der Auszubildende bei der HUK Coburg. Der größere Stellenwert von kommunikativen Fähigkeiten kommt ihm ebenfalls entgegen. «Kundenkontakt ist ja durchaus attraktiv.»

Schubarth wird seit Anfang September nach der neuen Verordnung ausgebildet. In den ersten Wochen hat er sich wie seine Co-Azubis vor allem in die Feinheiten der Kfz-Versicherungen eingearbeitet. «Wir haben zum Beispiel Kundengespräche zusammen mit dem Ausbilder simuliert und dann hinterher gesagt bekommen, was gut gelaufen ist und was weniger.» Als nächstes stehen Themen wie Haftpflicht-, Unfall- und Sachversicherungen an. Schritt für Schritt wird Schubarth die gesamte Palette an Versicherungsprodukten kennen lernen.

Die Aufgaben der Versicherungskaufleute haben sich spürbar verändert: «Als ich selbst damit angefangen habe, war das ein Büroberuf», erzählt HUK-Ausbildungsleiter Michael Krauß. «Da ging es vor allem darum, Verträge zu bearbeiten. Heute ist es viel wichtiger, die Produkte zu verkaufen.» Durch die technische Entwicklung in der Datenverarbeitung werde weniger Personal im «Back office» gebraucht. «Früher gab es noch Registraturkräfte, die die Akten geholt haben.» Heute geht das am PC per Knopfdruck. Personal ist deshalb eher im «Front office» gefragt, also im direkten Kundenkontakt. «Und immer mehr junge Leute werden als Selbstständige arbeiten.»

Der Außendienst wird in der Ausbildung wichtiger, ist auch die Beobachtung von Gunther Wunderlich vom Berufsbildungswerk der Deutschen Versicherungswirtschaft (BWV) in München. Lutz Schlünsen von der Provinzial sieht gerade dort auch künftig Chancen für den Nachwuchs: «Der Außendienst wird nicht verschwinden. Die Kunden brauchen Beratung.» Kundenbesuche sind für den Nachwuchs aber auch heute schon normal: «Auszubildende müssen auch mal den Wert eines Gebäudes einschätzen, wenn es um eine Hausratsversicherung geht.» Auch die Vertragsabschlüsse bereiten sie vor.

Das Aufgabenspektrum ist aber noch breiter: Versicherungskaufleute beraten und betreuen Kunden - private wie gewerbliche -, analysieren deren Bedarf an Versicherungsschutz und Vermögensanlage, machen Angebote und schließen Verträge, so das Bundesinstitut für Berufsbildung. Und sie prüfen, welche Versicherungsleistungen in Anspruch genommen werden können. Inhalte der Ausbildung sind außerdem Datenschutz und Rechnungswesen - genau wie Controlling oder Verkaufsgespräche.

Die Anforderungen an die Bewerber um einen Ausbildungsplatz sind nach Einschätzung des BWV noch gestiegen. Erwartet wird ein guter Schulabschluss mit mittlerer Reife oder Abitur. Schon jetzt sind mehr als 60 Prozent der Azubis Abiturienten. Das Durchschnittsalter der 5046 Ausbildungsanfänger lag 2005 bei gut 20 Jahren. Auszubildende dürfen derzeit mit 740 Euro im ersten bis 885 Euro im dritten Jahr rechnen. Mitarbeiter im Innendienst erhalten je nach Tarifgruppe 2069 oder 2121 Euro brutto im Monat. Sowohl für Lehrlinge als auch für Angestellte gibt es am 1. April 2007 eine leichte Gehaltserhöhung.

Nachwuchssorgen hat die Versicherungsbranche derzeit nicht. Aber das könnte sich ändern, glaubt Lutz Schlünsen: «In fünf Jahren werden Auszubildende gesucht.» Nach Einschätzung des Berufsbildungswerks sind die Berufschancen allen Berichten über Stellenabbau zum Trotz aber auch schon jetzt «hervorragend».

Informationen: Berufsbildungswerk der Deutschen Versicherungswirtschaft, Arabellastraße 29, 81925 München (Tel.: 089/92 20 01 30, E-Mail: info@bwv-online.de)