Brummifahrer: Transportspezialisten mit schwierigen Arbeitszeiten

Von Claudia Bell, dpa

Mannheim (dpa/gms) - Lange Arbeitszeiten, schlechte Bezahlung, kilometerlange Staus auf den Autobahnen und eine zumeist tagelange Trennung von der Familie - rosige Arbeitsbedingungen hören sich anders an. Nicht zuletzt deshalb zählt der Beruf des Fernfahrers nicht gerade zu den Traumberufen und suchen Deutschlands Speditionen derzeit verzweifelt Brummifahrer, die ihre Güter transportieren.

Rund 12 000 offene Fahrer-Stellen sind nach Angaben des Verbands für Spedition und Logistik Baden-Württemberg (VSL) derzeit zu besetzen. «Die Konjunktur brummt, die Speditionen haben jede Menge Fahrzeuge auf dem Hof stehen, finden aber keine Fahrer», sagt Verbandsgeschäftsführer Herbert Riedel. Denn das Problem seien nicht nur die Arbeitsbedingungen, sondern auch die gestiegenen Ansprüche der Arbeitgeber an ihre Fahrer.

Eine möglichst fehlerfreie deutsche Sprache, ein gepflegtes Äußeres sowie ein entsprechender Umgang mit den Kunden seien heutzutage Grundvoraussetzungen für eine Einstellung. Zudem müssten die Fahrer je nach Ladung speziell ausgebildet sein - etwa, wenn es um die Verladung und den Transport von hochexplosivem Gefahrengut geht. «Einfach irgendwo einen Gasschlauch anschließen, reicht nicht - dafür braucht es schon eine gute Ausbildung», betont Riedel.

Und so sind bei der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg zwar etwa 36 000 Brummifahrer arbeitslos gemeldet, doch diese finden trotz der gestiegenen Nachfrage keinen Job - weil sie nicht genügend qualifiziert und teilweise auch nicht bereit sind, die für diesen Beruf nötigen Opfer zu bringen.

Das Thema Ausbildung ist ein großes Problem in der Branche. Was früher noch die Bundeswehr leistete - ein Großteil der Lkw-Fahrer hatte den entsprechenden Führerschein während des Wehrdienstes gemacht - müssen heute Berufsschulen und Speditionen übernehmen. Denn bei der Bundeswehr wird heute aus Spargründen kaum noch ausgebildet. Das Logistikunternehmen Fiege aus Greven hat deshalb vor kurzem eine betriebseigene Fahrschule in Gelsenkirchen gegründet. Alle Fahrer, die dort ihren Lkw-Führerschein machen oder sich weiter qualifizieren, erhalten die Garantie auf einen Job im Unternehmen.

Doch auch hier ist das Bewerberpotenzial nicht immer das, was sich die Arbeitgeber vorstellen: «Anfangs sind alle begeistert, doch dann trennt sich die Spreu vom Weizen», sagt Jürgen Hachenberg, Geschäftsführer der Fiege-Tochter uni/serve. Mehr als 200 Fahrer könnte er derzeit einstellen - und ist weit davon entfernt, die Stellen besetzen zu können. «Der Job ist zugegebenermaßen ja nicht immer ein Zuckerschlecken.»

Dabei hat ein Kraftfahrer allen Unkenrufen zum Trotz und entgegen seines schlechten Rufs durchaus die Chancen auf bessere Arbeitsbedingungen. «Die Lkw-Fahrer sitzen seit etwa einem Dreivierteljahr am längeren Hebel als die Arbeitgeber», sagt Matthias Rathmann vom Branchenmagazin «trans aktuell» in Stuttgart. Durch den hohen Bedarf der Spediteure könnten die Fahrer durchaus auf den Tisch hauen und gegenüber ihren Chefs auch auf ihren Rechten bestehen. «Viele Fahrer trauen sich aber kaum, sich zu wehren.»

Das bestätigt auch Thomas Sorg, Betriebsratschef bei der Spedition Kühne+Nagel mit Sitz in Hamburg. «Lkw-Fahrer sind Einzelkämpfer, dabei hätten sie in der Gruppe viel mehr Macht und könnten einiges bewegen.» Die meisten der Fahrer nähmen die Arbeitsbedingungen in Kauf und verpassten aus Angst um ihren Arbeitsplatz die Möglichkeit, einen Streik zu initiieren. Doch spätestens seit der Einführung des neuen Arbeitszeiten-Gesetzes, das eine Wochenarbeitszeit von 48 Stunden vorsieht, hätten die Fahrer bessere Karten, sich zu wehren. «Die Fahrer haben mehr Rechte und sollten diese auch einfordern.»

Eine Empfehlung, die von den Fahrern selbst nicht immer ernst genommen und schon gar nicht in die Tat umgesetzt wird. Der 59 Jahre alte Herbert Vießmann sitzt seit 1969 für eine auf Klaviertransporte spezialisierte Spedition hinter dem Steuer und weiß, weshalb sich seine Kollegen nicht wehren: «Jeder hat Angst um seinen Arbeitsplatz, die Chefs drohen teilweise massiv mit der Entlassung», erzählt er. Und das, obwohl die Fahrer durch die strengen Zeitvorgaben und das erhöhte Verkehrsaufkommen ohnehin schon genug unter Druck und permanentem Stress stehen.

Auch Vießmann ist oft tagelang nicht zu Hause und gibt zu, dass die Familie sehr unter diesem Umstand leidet. Dem gegenüber steht aber auch der Kontakt zu den unterschiedlichsten Menschen, die er auf seinen Fahrten quer durch die Republik und ins benachbarte Ausland kennen lernt. Vießmann bemängelt allerdings auch die zunehmende Kontrolle durch den Arbeitgeber. So seien in den Fahrzeugen neuerdings Bordcomputer eingebaut, mit deren Hilfe der Spediteur immer genau beobachten könne, ob sich das Fahrzeug gerade bewegt und wo es sich befindet. Und doch: Trotz aller Einschränkungen und negativen Begleiterscheinungen ist Vießmann glücklich in seinem Beruf: «Ich bin mit Leib und Seele Brummifahrer.»

Informationen: Dekra-Akademie, Handwerkstraße 15, 70565 Stuttgart (Tel.: 01805/335730, Internet; www.dekra-akademie.de)