Auch der Pförtner gehört gegrüßt: Die ersten Tage als Azubi
Von Carina Frey, dpa
München (dpa/gms) - Der Spruch «Tach, ich bin der Neue!» kommt in der Schule gut. Und auf einer Party reicht ein «Hey, ich bin Michael» völlig aus. Gegenüber dem Ausbilder ist eine solche Begrüßung aber tabu. Denn in den ersten Tagen der Ausbildung bildet sich der Ruf. Und ist der erst ruiniert, lassen sich die Kollegen schwer vom Gegenteil überzeugen. Damit es nicht so weit kommt, gilt es von Anfang an einen guten Eindruck zu machen - und dazu gehört, auch den Pförtner zu grüßen.
Die ersten Fettnäpfchen lauern schon vor der Bürotür: «Kommt der Azubi mit dem Auto, sollte er den Wagen nicht auf den bevorzugten Parkplatz stellen», sagt Karl Hermann Künneth, Coach und Buchautor aus München. Ordentliche, dem Arbeitsplatz angemessene Kleidung sei Pflicht, außerdem sollten alle notwendigen Unterlagen mitgebracht werden. «Die Ausbildung beginnt nicht am ersten Tag in der Firma, sondern in dem Moment, in dem ich die Zusage bekomme», sagt Thomas Zimmermann, Psychologe und Karriereberater aus Hamburg. «Schon dann sollte ich mir Gedanken machen, was ich alles brauche.»
Zur Begrüßung gehört ein vollständiges «Guten Tag!» Übernimmt der Ausbilder nicht die Vorstellung, sollte der Azubi das selbst in die Hand nehmen und den neuen Kollegen seinen Namen und die Abteilung nennen, in der er künftig arbeiten wird. Die Namen der Mitarbeiter sollte man sich ebenfalls merken: «Es kommt gut an, wenn man die Kollegen mit dem Namen anspricht», sagt Gitte Härter, Karrierecoach aus München.
Auch wenn sich alle Mitarbeiter duzen, gilt für den Lehrling zunächst das Sie. «Der Azubi gehört noch nicht zur Gruppe dazu», erklärt Zimmermann. Selbst wenn eine Kollege sagt: «Du kannst uns ruhig duzen», wird der nächste Kollege gesiezt, sagt Künneth. «Man duzt niemanden unaufgefordert.»
Hält der Azubi dem Kollegen die Tür mit auf oder hilft er der Sekretärin beim Tragen, kann er punkten. «Wenn Azubis das Klischee vom ungeschickten Teenager nicht erfüllen, kommt das sehr gut an», sagt Härter. Gleiches gilt, wenn der Lehrling die Kaffeekanne nicht leer zurückstellt, sondern neuen kocht und sich zeigen lässt, wie der Papierstau im Drucker behoben wird.
Auszubildende sollten zwar die Arbeitszeit nicht mit Kaffee kochen verbringen. Doch gerade in den ersten Wochen stehen einfache Arbeiten an. Kein Grund, beim Chef nach größeren Herausforderungen zu fragen. «Dann bekommt der Chef einen Anfall», warnt Gitte Härter. Die Ablage oder Post sortieren gehörten am Anfang einfach dazu. Und oft biete sich dabei die Möglichkeit, etwas über den Betrieb zu erfahren.
Ist ein Job erledigt, bedeutet das nicht Freizeit. «Der Azubi sollte schon zehn Minuten, bevor er fertig ist, zu seinem Ausbilder gehen und nach einer neuen Arbeit fragen», rät Künneth.
Kommt der Lehrling mit einer Aufgabe nicht weiter, muss er fragen. «Keiner möchte einen Azubi, der vor sich hinwurschtelt und dann Mist baut», sagt Härter. Wahllos Fragen zu stellen, könne die Kollegen aber nerven. «Die Anweisungen sollten erstmal durchgelesen werden.» Gut sei, schon eine Teilantwort mitzuliefern. So merke der Ausbilder, dass sein Lehrling mitdenkt. Werden Erklärungen von Anfang an mitgeschrieben, erledigt sich so manche Nachfrage.
Viele Azubis bringen Kenntnisse mit, etwa im Umgang mit bestimmten PC-Programmen. Weiß der Ausbilder davon, kann er sich langwierige Erklärungen sparen. Die Kunst ist, nicht altklug zu wirken, sagt Künneth. Der Hinweis «Ich habe schon Grundkenntnisse» sei aber in Ordnung.
Gibt es mehrere Azubis in einem Betrieb, ist die Versuchung groß, sich den anderen anzuschließen. «Die eigene Gruppe ist wichtig. Sie ist eine Infobörse und hier findet Austausch statt», erklärt Zimmermann. Nur mit den Lehrlingen rumzuhängen, ist aber nicht ratsam. «So bekommt man keinen Kontakt zu den Kollegen», sagt Härter. Besser sei, wenn der Azubi auch mal die älteren Mitarbeiter anspricht und fragt, ob er mit ihnen Mittag essen gehen kann.
Bleiben die Kollegen länger in der Kantine sitzen, ist das für den Lehrling kein Grund, es ihnen gleich zu tun. Der Azubi hat pünktlich zurück am Arbeitsplatz zu sein, sagt Künneth. «Und er geht nicht nach der Pause auf Toilette, sondern zwischendrin.» Schiebt der ältere Mitarbeiter immer wieder Kaffeepausen ein, mag das bei ihm in Ordnung sein - für den Azubi sind sie jedoch tabu. Genauso wenig darf der Azubi ohne zu fragen in die offene Kekspackung in der Küche greifen. «Vielleicht hat die Sekretärin sie für Gäste hingelegt», sagt Härter.
Eine Woche dauert es nach Künneths Ansicht, bis die Meinung der Kollegen zu einem Azubi feststeht. Dieses Bild lasse sich anschließend nur schwer verändern. «Dann heißt es bei jedem Fehler: "Das habe ich mir ja gleich gedacht".» Daher sei es wichtig, gerade in den ersten Tagen freundlich und aufgeschlossen auf die Kollegen zuzugehen. Erwischt der Azubi trotzdem ein Fettnäpfchen, ist das keine Katastrophe. «Der Einstieg in den Beruf ist schwierig. Da sollten Azubis nicht zu streng mit sich sein.»
Literatur: Karl Hermann Künneth: Das Benimm-Handbuch zum Berufsstart. Books on Demand, ISBN-13: 978-3833407451, 16,90 Euro