Mathematisch-technische Softwareentwickler lösen praktische Probleme
Von Deike Uhtenwoldt, dpa
Aachen (dpa/tmn) - MATSE klingt frech, ganz anders als der Bandwurmbegriff Mathematisch-technischer Software Entwickler - und so soll denn auch die Webseite matse-ausbildung.de Lust machen auf einen neuen chancenreichen Beruf: «Die Seite ist die erste Anlaufstelle für alle, die sich für den Beruf interessieren oder darin ausbilden wollen», sagt Benedikt Magrean, Ausbildungsleiter der Universität Aachen. «Demnächst werden sich über die Seite Schulen und Lehrer vernetzen können, um Aufgaben oder Erfahrungen auszutauschen.»
Das dahinter liegende Content Management System, das die Weiterentwicklung der Seite bundesweit und von unterschiedlichen Rechnern ermöglicht, haben Auszubildende der Aachener Uni programmiert. Noch keine MATSEN, denn die gibt es erst seit dem 1. August zum Start der neuen Ausbildung, sondern MATAS, Mathematisch-technische Assistenten. «Das ist der Vorgängerberuf aus Nordrhein-Westfalen», erklärt Magret Reymers, Projektleiterin im Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in Bonn.
Im Gegensatz zum Vorläufermodell, das die Fachhochschulreife verlangte, ist der neue Ausbildungsberuf bundeseinheitlich geregelt und setzt die Mittlere Reife voraus. Und er verzichtet bewusst auf die mehrdeutige Bezeichnung Assistenz: «Es gibt weiterhin den staatlich geprüften Mathematisch-technischen Assistenten, aber das ist ein rein schulischer Lehrberuf», betont die BIBB-Projektleiterin. Der Mathematisch-technische Software Entwickler dagegen ist ein dualer Ausbildungsberuf.
«Ein Beruf mit hohem Praxisanteil und starker Projektorientierung», betont Benedikt Magrean. Für den Ausbildungsleiter war es nicht nur höchste Zeit, die Assoziationen loszuwerden, die der Begriff Assistenz hervorrief. «Wir haben das Vorgängermodell auch entrümpelt.» Der MATSE habe auch ein klareres Profil: «Es sind zwei Kompetenzen, die wir in aller Tiefe unterrichten: Mathematik und Programmierung.» Mit dieser Ausrichtung unterscheide sich der neue Ausbildungsberuf auch klar vom Fachinformatiker Anwendungsentwicklung: «Der Fachinformatiker benötigt keine Mathematik und weniger Kenntnisse in der Softwareentwicklung - dafür aber mehr Hardwarekenntnisse.»
«Die neue Kombination aus Mathematik und Informatik geht zu Lasten des Fachinformatikers», prognostiziert Margret Reymers. Die neue Ausbildungsverordnung ist allerdings erst Ende März erlassen worden, da hatten viele Ausbildungsbetriebe schon ihre Stellen geplant. «Das wird erst im nächsten Jahr richtig in Schwung kommen.»
Stark ist der Beruf schon jetzt in Nordrhein-Westfalen vertreten. Allein an der Uni in Aachen gibt es 90 Ausbildungsplätze: «Im vergangenen Jahr waren es im Vorgängerberuf 80 gewesen», erläutert Benedikt Magrean. Alle Auszubildenden lernen drei Tage im Betrieb und studieren zwei Tage an der Fachhochschule Aachen Scientific Programming: Das duale Studium enthalte das Lehrprogramm der Mathematisch-technischen Softwareentwickler und gehe noch darüber hinaus. «Die Nachfrage ist enorm und reicht von Ingenieurbüros über die Versicherungswirtschaft bis zu großen Softwarefirmen. Ich könnte schon heute mehr Absolventen vermitteln, als wir haben.»
Bedarf ist vorhanden, aber oft gibt es noch Kapazitätsengpässe bei Schulen und Auszubildenden: «Wir werden definitiv noch in diesem Jahr drei Mathematisch-technische Softwareentwickler ausbilden, aber es wäre um einiges leichter, wenn die nicht in Oberursel, sondern in Darmstadt zur Schule gehen könnten», beklagt Michael Grimm, Sprecher des Ausbildungsverbundes TIZ im Technologie- und Innovationszentrum Darmstadt.
Darmstadt, so der Geschäftsführer einer Softwarefirma, verstehe sich als Software-Hauptstadt Deutschlands, aber eine Berufsschule für zukünftige MATSEN gibt es noch nicht: Die starten bisher in Hamburg, Berlin und Oberursel. «Weitere werden hinzukommen», ist sich Michael Grimm sicher. Worauf der Geschäftsführer bei seinen Kandidaten besonders achtet: «Mathe, Mathe und nochmals Mathe.» Die Bewerber müssten im Auswahlverfahren auch ohne Taschenrechner Durchschnittszahlen ermitteln und Dreisatzrechnungen vornehmen können: «Es geht um die abstrakte Denkweise, die bei der Lösung praktischer Probleme hilft.»
Leidenschaft für Mathe und Lust am logischen Denken ja, Programmierkenntnisse nein, lautet die Formel von Ausbildungsleiter Magrean: «Das Programmieren bringen wir den Auszubildenden selbst bei.» Vorausgesetzt werden aber Teamfähigkeit und Englischkenntnisse, so Chemikerin Reymers. Die Kombination Naturwissenschaft und Kommunikationsfähigkeit gebe es sehr wohl. «Und sie ist gefragt.» Mit einem entsprechend guten Verdienst können Mathematisch-technischen Softwareentwickler rechnen: «Das Minimum dürfte bei 30 000 Euro im Jahr liegen», schätzt Diplom-Informatiker Michael Grimm.
Internet: www.bibb.de/de/30002.htm; www.matse-ausbildung.de; http://www.tiz-ausbildungsverbund.de/