Die Pflegebranche sucht Profis: Jobs gibt es bald in rauen Mengen

Von Angelika Röpcke, dpa

Freiburg/Göttingen (dpa/tmn) - Sie trösten Kinder, wenn sie Angst und Schmerzen haben. Sie helfen Älteren bei der Medikamenteneinnahme oder organisieren den Tagesablauf eines Querschnittsgelähmten: In bestimmten Situationen brauchen Menschen, egal wie alt sie sind, Hilfe und Pflege. Dass immer weniger Kinder zur Welt kommen und die Älteren immer älter werden, stellt die Pflegebranche allerdings vor ein Riesenproblem: Fachkräfte fehlen fast überall und werden in Zukunft noch begehrter werden.

«Im Moment steuern wir auf eine Altersgesellschaft zu», sagt Franz Lorenz, Generalsekretär der Caritas-Gemeinschaft für Pflege- und Sozialberufe aus Freiburg im Breisgau. «Die Zahl der über 65-Jährigen wird stark ansteigen.» Im Jahr 2030 wird einer Prognose zufolge jeder dritte Deutsche die 65 überschritten haben, erläutert Lorenz. Das Dilemma dabei: Immer weniger Menschen müssen sich um immer mehr Ältere kümmern. «Der Anteil der Pflegebedürftigen wird ansteigen.»

Der Bevölkerungsrückgang macht auch das Nachwuchsproblem für die Pflegebranche noch größer: «Es rückt immer weniger Pflegepersonal nach», erklärt Johanna Knüppel. Nach Ansicht der Referentin vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) in Berlin verursachen die Veränderungen in den familiären Strukturen - mehr Single-Haushalte, weniger Großfamilien -, dass die Pflege Angehöriger in den eigenen vier Wänden weiter zurückgeht. Familien, die bisher die Versorgung im ambulanten Bereich zu 88 Prozent übernommen haben, werde es in der bisherigen Dichte nicht mehr geben, bestätigt Franz Lorenz.

Diese Entwicklung heißt den Experten zufolge für ausgebildete Pflegekräfte nur eines: «Man hat im Pflegeberuf fast eine Jobgarantie», sagt Johanna Knüppel. Derzeit sind nach Zahlen des Statischen Bundesamtes aus Wiesbaden etwa 1,2 Millionen Menschen in Deutschland im Pflegebereich beschäftigt, sagt Barbara Ahlrichs von der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Schwesternverbände und Pflegeorganisationen (ADS) aus Göttingen. Der Bedarf an weiterem gut ausgebildeten Pflegepersonal sei enorm. «Bei der demografischen Entwicklung werden in den Pflegeheimen, ambulanten Diensten und so weiter professionell ausgebildete Kräfte benötigt.»

Grundsätzlich arbeiten Menschen in dieser Branche mit Kindern, Erwachsenen mittleren Alters und Senioren - also in der Kinderkranken-, Erwachsenen- und Altenpflege. Der Arbeitsmarkt unterscheidet zwischen Helferberufen, die in einjähriger Ausbildung erlernt werden können und Pflegeberufen. Hier müssen Interessierte drei Jahre in die Lehre gehen. Lorenz zufolge gibt es auch noch angelernte Kräfte, die in Sechs-Wochen-Kursen bei Organisationen wie dem Deutschen Roten Kreuz für Hilfstätigkeiten geschult werden.

Wer beispielsweise Kinderkrankenpfleger werden will, hat heute nach Angaben von Franz Lorenz nicht mehr nur mit der Versorgung eines kranken Kindes zu tun. Vielmehr rücke das Familiensystem an sich immer weiter in den Blickpunkt - vor allem angesichts zunehmender Beratung im Alltag. Fachkräfte sind hier insbesondere ambulant tätig, kümmern sich also um die Pflege des Kindes und die Versorgung der Familie zu Hause. Das sei vor allem bei chronisch kranken Kindern üblich.

Wichtig für diesen Job ist Lorenz zufolge Milieukompetenz. «Der Pfleger muss sich auf eine Arbeiterfamilie genauso einstellen können wie auf eine Akademikerfamilie.» Eine Blutzuckererkrankung beispielsweise müsse einem Akademiker ganz anders erläutert werden als jemandem ohne Abitur. Zudem seien Grundkenntnisse im Erziehen nötig und Geschick für die Kooperation mit den anderen Hilfskräften im Haus, zum Beispiel mit Logopäden oder dem Reinigungspersonal. «Hand-in-Hand-Arbeit» nennt Lorenz das, schließlich sollte der Kinderkrankenpfleger beispielsweise dem Ergotherapeuten vermitteln können, wie es dem Kind geht.

Pflegeberufe sind bei all dem Spaß, den die Arbeit mit Menschen bringen kann, jedoch anstrengend, warnt ADS-Fachfrau Ahlrichs. Die körperlichen Belastungen seien oft enorm. Zudem erfordere der Einsatz in nahezu allen Lebensbereichen eines Menschen Flexibilität. Pflegekräfte sollten darüber hinaus Sozialkompetenz und Durchhaltevermögen mitbringen. Wer nicht belastbar ist, sollte sich lieber einen anderen Job suchen - schließlich arbeiteten Pflegekräfte meist im Schichtdienst rund um die Uhr.

Johanna Knüppel vom DBfK rät Interessierten, sich zunächst mit einem Praktikum einen Überblick über die Anforderungen zu verschaffen. «Es ist kein einfacher Beruf, er belastet psychisch und körperlich.» Einen Realschulabschluss sollten Schulabgänger möglichst mitbringen. Für Schulabgänger mit Hochschulreife lassen sich Pflegemanagement und -pädagogik oder Pflegewissenschaft auch studieren. Allerdings hätten die Akademiker dann weniger mit der Medikamentengabe oder der psychosozialen Betreuung der Pflegebedürftigen zu tun. Sie sind eher als Führungskräfte im administrativen Bereich tätig.

Informationen: DBfK-Bundesverband, Salzufer 6, 10587 Berlin (E-Mail: dbfk@dbfk.de)

Internet: www.ads-pflege.de; www.dbfk.de; www.caritasgemeinschaft.caritas.de