Präzisionsarbeit mit Tradition: Drechsler sind immer noch Handwerker

Von Andreas Heimann, dpa

Fürth/Annaberg-Buchholz (dpa/tmn) - Drechsler sind die Feinmotoriker rund ums Holz, bei ihrer Arbeit muss buchstäblich alles rund laufen. Lehrstellen für den Nachwuchs gibt es allerdings nicht im Überfluss. «Es ist eher ein kleines Handwerk», sagt Bundesinnungsmeister Gerhard Preick aus Springe bei Hannover. «Viele Betriebe haben nur zwei oder drei Mitarbeiter.»

«Der Beruf ist fast unbekannt», sagt Julia Buß aus Darmstadt. «Ich werde oft gefragt, was Drechsler eigentlich machen.» Genau so ging es der 24-Jährigen vor ihrer Ausbildung auch selbst: «Ich hatte noch nie eine Drehbank gesehen», erzählt sie. «Aber ich wollte vor allem etwas mit Holz machen und dachte zuerst an eine Ausbildung als Tischlerin.» Doch dann bekam sie den Tipp mit der Berufsfachschule in Michelstadt, an der unter anderem Drechsler ausgebildet werden. «Die Werkstatt dort zu sehen, war schon faszinierend», erinnert sie sich.

Julia Buß bewarb sich auf eine der 15 Stellen für die Ausbildung -und bekam einen Platz. «Der Vorteil der Berufsfachschule ist, dass man sich ganz aufs Lernen konzentrieren kann», sagt die Drechslerin. «Und man hat auch größere kreative Freiräume.» Am Anfang lerne man, ganz einfache Formen zu drechseln. «Ich musste als erstes ein Vierkantholz rundmachen.» Anschließend durfte sie sich an Kugeln, Kerzenständern, Schalen und Teelichtern probieren. «Richtig schwierig wird es, wenn man etwas Großes drehen muss.» Handwerkliches Geschick ist dann unverzichtbar, «es kommt auf feinste Bewegungen an».

Ihre Prüfung hat Julia Buß vorbildlich hinbekommen: Mit ihrem Gesellenstück, fünf Gewürzmühlen aus Amaranth-Holz verschiedener Größe, beeindruckte sie nicht nur ihre Ausbilder. Post gab es sogar von Bundespräsident Horst Köhler: Der gratulierte Julia Buß 2006 als «Bundessiegerin im Wettbewerbsberuf Drechsler». Inzwischen ist sie auf der Suche nach dem passenden Studiengang. Holz- oder Produktgestaltung kommen in Frage.

Klassisch für die Drechslerausbildung ist aber nicht der Weg, für den sich Julia Buß entschieden hat, sondern die Kombination aus Praxis im Betrieb und Theorie in der Berufsschule. In diesem Fall wird er als Blockunterricht erteilt. Die Schulstandorte sind Seiffen in Sachsen und Bad Kissingen in Franken. Wie viele Azubis nach den klassischen Handwerkstechniken arbeiten, hängt sehr vom Betrieb ab, erläutert Gerhard Preick: Wo nach individuellen Vorgaben gefertigt wird - zum Beispiel Ersatzteile für das Restaurieren von Möbeln -, spielt die Arbeit von Hand eine größere Rolle. Bei Produkten von der Stange ist das aus Kostengründen dagegen unrealistisch.

Für größere Stückzahlen bietet sich die maschinelle Herstellung an, etwa für Treppenstäbe oder Deko-Artikel für Lampen. «Dafür haben wir inzwischen eine CNC-Drehbank», sagt Preick. Bedienen könne die computergesteuerte Anlage praktisch jeder Geselle, «das Zeichnen und Programmieren nicht». Grundlegende CNC-Kenntnisse müssen aber schon die Azubis erwerben. Viel wichtiger als der Umgang mit der Maschine sei aber, das Drehen von Hand zu lernen.

Drechslerbetriebe waren oft lange in Familienbesitz. «Heute gilt das aber nicht mehr», sagt Preick. Nachdem für das Drechslerhandwerk kein Meisterzwang mehr gilt, sei die Zahl der Betriebe gestiegen. Oft sind die Inhaber selbst keine gelernten Drechsler, sondern in einem verwandten Handwerk ausgebildet.

Traditionell großes Gewicht hat das Drechslerhandwerk in Sachsen. Das gilt vor allem für das Erzgebirge, nicht nur wegen der Holzspielzeugmacher, von denen es dort so viele gibt wie bundesweit nirgendwo sonst. Drechslermeister Jens König zum Beispiel hat seinen Betrieb in Annaberg-Buchholz. Schon sein Vater war Drechsler - seitdem hat sich allerdings einiges verändert.

Die Holzpyramiden, für die die Region berühmt ist, lassen sich immer schwerer verkaufen. Wenn jedes einzelne Teil mit traditionellen Techniken hergestellt wird, sind die Preise kaum konkurrenzfähig. Also wird gespart: «Die Figuren für die Pyramiden werden kaum noch per Hand bemalt», bedauert König. Er hat sich deshalb schon vor einigen Jahren nach Alternativen umgesehen. Eine ist der Schiffsinnenausbau - der Drechslermeister arbeitet unter anderem für die Schiffe der Reederei Aida Cruises. «Treppen, Geländerstäbe,
 Parkett, Intarsien», zählt König auf. Die «Aidabella» ist das jüngste Schiff, bei dem König bei der Innenausstattung mitgeholfen hat.

«Wir arbeiten aber auch viel mit Architektenbüros und Designern zusammen», erzählt der Drechsler. Dazu reichen die Kontakte sogar ins Ausland. «Hier bei uns in der Region sind wir mit Arbeit nun mal nicht gesegnet.» Mit der Hand zu drechseln wie eh und je, bleibt für König aber etwas, auf das er nicht verzichten möchte - manchmal auch nur «aus Spaß an der Freude», Weihnachtspyramiden zum Beispiel. Verdienen lässt sich damit kaum etwas, «aber es sieht einfach toll aus».

Informationen: Verband des Deutschen Drechsler- und Holzspielzeugmacher-Handwerks, Postfach 19 64, 90709 Fürth (Tel.: 0911/74 08 50, E-Mail: KHSFuerth@t-online.de)