Nicht nur Handwerk: Steinmetze müssen mit Trauernden umgehen können

Von Claudia Bell, dpa

Stuttgart/Königslutter (dpa/tmn) - Hinterbliebene, die alles schnell hinter sich bringen möchten, machen Thomas Groß besonders zu schaffen. Der 39-Jährige ist Steinmetz und Steinbildhauer und hat in seiner Werkstatt in Stuttgart fast täglich mit trauernden Angehörigen zu tun, wenn er sie wegen des Grabsteins berät. «Vielen ist gar nicht klar, dass der Stein gerne auch etwas über den Verstorbenen preisgeben darf», sagt Groß. Ein durchschnittliches Beratungsgespräch dauere daher in der Regel maximal eine halbe Stunde. Im Vordergrund stehe dabei meist weniger die Gestaltung mit persönlicher Note.

Rund ein Drittel seiner Aufträge kommt aus dem Grabstein-Bereich - sein liebstes Geschäftsfeld, sagt Groß. In diesem Bereich brauche es die Fähigkeit, sich auf die trauernden Menschen einzulassen. Und das könne er ganz gut, zumindest kämen viele seiner Kunden auf Empfehlung zu ihm. Dennoch sei es manchmal auch anstrengend, die Diskussionen unter den Hinterbliebenen mitzuerleben - gerade wenn es Streit über den Grabstein gibt.

Den technischeren Teil ihres Berufs decken Groß und seine drei Kollegen auf dem Bau, etwa bei der Gestaltung von Küchen und Bädern, ab. Neben dem Geschäft mit den Grabsteinen spielen auch andere Gewerke eine Rolle: «Rund 40 Prozent des Gesamtumsatzes werden heute auf dem Bau erwirtschaftet», bestätigt Wolfgang Simon, Geschäftsführer des Bundesinnungsverbandes des Deutschen Steinmetz-, Stein- und Holzbildhauerhandwerks (BIV) in Frankfurt/Main. Das liege nicht zuletzt auch daran, dass der Trend zu aufwendig gestalteten Bädern gehe.

Obwohl viele Menschen mit Steinmetzen hauptsächlich die Handwerker auf Gerüsten rund um Kirchen verbinden, werden sie häufig genug nur «auf den Friedhöfen» wahrgenommen. Wolfgang Simon ist froh darüber, dass Steinmetze zunehmend auch in anderen Bereichen eine Rolle spielen. Immerhin sei der Beruf durchaus vielseitig, und man sehe das Ergebnis noch viele, viele Jahre. Deshalb hätten die Steinmetze im Vergleich zu anderen Handwerksberufen auch einen durchaus guten Ruf, auch wenn die Ausbildungszahlen in den vergangenen Jahren rückläufig waren.

«Das Niveau unter den Azubi-Bewerbern ist recht akzeptabel, wir wollen uns nicht beschweren», sagt Simon. Dennoch habe es sich bei den jungen Leuten noch nicht herumgesprochen, dass man neben einer gewissen Kreativität auch ganz gut rechnen können muss. «Man muss ja täglich mit Flächen umgehen, die muss man schließlich berechnen können.» Räumliches Vorstellungsvermögen und körperliche Ausdauer seien weitere Voraussetzungen für den Beruf, betont Reiner Flassig, Leiter der Steinmetzschule in Königslutter bei Braunschweig.

Die Schule bildet derzeit 450 Lehrlinge sowie rund 30 angehende Meister aus. Die Frauenquote liegt bei rund zwölf Prozent. Die körperliche Anstrengung ist nach Flassigs Ansicht ein entscheidender Grund dafür, dass so wenige Frauen diesen Beruf ergreifen; und diejenigen, die sich dafür entscheiden, hängen anschließend oftmals noch ein Architekturstudium an.

Rituale und Traditionen werden in diesem Beruf auch heute noch hochgehalten und gepflegt. So legen viele Steinmetze Wert darauf, bei der Arbeit eine blaue Schürze zu tragen, zudem sieht man hin und wieder junge Steinmetze als Wanderburschen durch die Lande ziehen. Doch der Druck, nach der Ausbildung gleich eine Stelle anzutreten, ist oftmals größer als das Bedürfnis, Erfahrungen als fahrender Geselle zu sammeln.

Für viele Steinmetze ist der Job als Restaurator etwa in einer Dombauhütte der Traumjob schlechthin - doch für Thomas Groß hat sich der Traum mit der Übernahme des Familienbetriebs vor einem Jahr erfüllt. Er schätzt vor allem den täglichen Umgang mit seinen Kunden, auch wenn der manchmal zur Herausforderung wird: «Die direkte Resonanz der Menschen gleich zu erleben, ist mir sehr wichtig.»

Informationen: Bundesinnungsverband des Deutschen Steinmetz-, Stein- und Holzbildhauerhandwerks (BIV), Weißkirchener Weg 16, 60439 Frankfurt (Tel.: 069/57 60 98, Internet: www.biv-steinmetz.de)