Zwischen High-Tech und Tradition: Ausbildung zum Industriekeramiker

Von Nina C. Zimmermann, dpa

Selb (dpa/tmn) - Wer bei Keramik nur an Badezimmer-Fliesen denkt, bezweifelt wahrscheinlich, dass sich eine Ausbildung in diesem Bereich lohnt. Wer aber weiß, dass der Chefdesigner eines großen deutschen Autobauers einst als Industriekeramiker angefangen hat, ahnt die Möglichkeiten der Branche. High-Tech und Tradition seien in diesem Berufsbild so eng verknüpft wie in kaum einem anderen, sagt Peter Frischholz, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Keramischen Industrie (VKI) in Selb (Bayern).

Es gibt viele Bereiche, aus denen keramische Bestandteile nicht mehr wegzudenken sind: Dieselrußfilter, deren Wabensysteme aus diesem Material bestehen, oder Elemente im Auslöser von Airbags und Hitzeschutzkacheln in der Raumfahrt, künstliche Hüftgelenke oder Zahnfüllungen. Trotz sinkender Arbeitsplatzzahlen hat die Branche laut Frischholz einen Anstieg in der Ausbildungsquote zu verzeichnen: Haben 2001 nur 4,3 Prozent der Betriebe Lehrlinge beschäftigt, seien es im vergangenen Jahr fast 6 Prozent gewesen. 353 Lehrlinge haben 2007 mit der Ausbildung begonnen.

Besonders im Kommen sei die technische Keramik, sagt Matthias Schlotmann vom Bundesverband Keramische Rohstoffe (BVKR) in Koblenz. Dieser Zweig habe in den vergangenen zwölf Jahren seine Umsätze verdoppelt. Angeboten wird die Ausbildung zum Industriekeramiker in vier Fachrichtungen: in der Anlagen-, der Dekorations-, der Modell- und der Verfahrenstechnik. Gelernt wird in Betrieb und Berufsschule.

Für alle Azubis stehen zwölf Monate lang die gleichen Inhalte auf dem Programm. Neben Umweltschutz- und Sicherheitsfragen zählen dazu vor allem Formgebung und Veredlung, Trocknen und Brennen, Qualitätskontrolle sowie das Berechnen der «Schwindung». Da die Produkte am Ende ihres Herstellungsprozesses immer gleich groß sein sollen, muss ein Industriekeramiker ausrechnen können, um wie viel sie beim Brennen schrumpfen.

Während Industriekeramiker mit der Spezialisierung Anlagentechnik vor allem Produktionsanlagen für keramische Erzeugnisse einrichten, bedienen und überwachen, stellen sie in der Richtung Verfahrenstechnik überwiegend keramische Massen, Glasuren und Arbeitsformen her. Außerdem formen sie die Massen und brennen und veredeln die Produkte. Wer im Bereich Dekorationstechnik arbeitet, malt, spritzt oder druckt Dekors auf Porzellan- und Keramikprodukte und glasiert diese. In der Modelltechnik werden Modelle und Formen aus Gips, Kunststoff oder Metall für die Produktion von keramischen Gegenständen gefertigt.

Schon vor Ausbildungsbeginn lässt sich klären, ob jemand gesundheitlich nicht für den Beruf geeignet ist. «Auf keinen Fall Asthmatiker», sagt Hubert Meder von der Berufsgenossenschaft der keramischen und Glas-Industrie in Würzburg. Während in den ersten zwei Dritteln des vorigen Jahrhunderts die Staublunge eine gängige Berufskrankheit war, seien die Absaugvorrichtungen inzwischen so effizient, dass oft beinahe ohne Atemschutzmaske gearbeitet werden könne. Allerdings: Abrieb entstehe in der Branche immer, zum Beispiel in der Materialaufbereitung oder beim «Putzen», also dem Entfernen von Gussrändern oder beim Anbringen etwa eines Henkels.

Auch für Allergiker oder Menschen mit Hautproblemen sei der Job wegen der häufigen «Feuchtarbeit» nicht unbedingt ratsam, erklärt Meder. Oft müssten Teile von Hand durch Glasuren gezogen werden. Zwar seien dabei Handschuhe Pflicht, aber «viele machen es nicht, weil die Glasur keine Gefahrstoffe enthält», sagt Meder. Auch wenn die Materialien, mit denen die Industriekeramiker heute arbeiteten, im Gegensatz zu früher keine Gifte mehr enthielten, schwäche die Nässe aber die Haut und mache sie verletzlicher.

Die Verdienstmöglichkeiten nach der Ausbildung in der keramischen Industrie liegen nach Einschätzung von Matthias Schlotmann vom BVKR in etwa bei denen der chemischen. Die Berufsaussichten sind nicht schlecht: «Es ist eine sehr internationale Branche», sagt Schlotmann. Geliefert werde weltweit, die Forschung sei sehr intensiv - und so gebe es immer wieder neue Märkte.

Internet: Bundesverband Keramische Rohstoffe: www.bvkr.de, Verband der Keramischen Industrie: www.keramverbaende.de, Berufsgenossenschaft der keramischen und Glas-Industrie: www.bgglaskeramik.de