OECD warnt Deutschland: Schlechte Bildung mindert Wirtschaftskraft

Von Karl-Heinz Reith, dpa

Berlin (dpa) - Die Mahnung der internationalen Wirtschaftsexperten an die Industrienation Deutschland fällt klar und unmissverständlich aus: Will die Bundesrepublik weiter ihr hohes Wirtschaftsniveau halten, sind noch viel mehr Reformen als heute nötig - vor allem bei der Bildung. Erneut stehen die deutschen Schulen und Hochschulen dabei am Pranger der Pariser Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) - dem Zusammenschluss der 30 wichtigsten Industrienationen der Welt.

Die Mängelliste, die die OECD-Vertreter Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) am Mittwoch mit auf den Weg gaben, ist lang: Viel zu wenig Bildungschancen für Schüler aus armen Familien und für Migrantenkinder - und damit zu viele «verschenkte» Begabungsreserven, zu schlecht ausgebildete Erzieher und Lehrer in Kindergärten wie Schulen. Es gebe auch viel zu wenig Jungakademiker und beruflich ausgebildete Fachkräfte, wenn Deutschland langfristig seine Konkurrenzfähigkeit auf den Weltmärkten sichern will.

Nüchtern stellt der «Wirtschaftsbericht für Deutschland» fest, hierzulande seien die Älteren, die 45- bis 64-Jährigen, inzwischen insgesamt besser qualifiziert als die Jüngeren, die heute 25- bis 34- Jährigen. Dies sei unmittelbare Folge der jahrelangen falschen Warnungen von deutschen Bildungspolitikern wie Wirtschaftsvertretern vor einer angeblichen Abiturienten- und Akademikerschwemme. Zugleich hätten auch Betriebe und Verwaltungen massiv Lehrstellen abgebaut. Und auch mit der deutschen Weiterbildung sieht es im internationalem Vergleich nicht gut aus.

Man habe den Text des OECD-Wirtschaftsberichtes nach einigen Änderungen schließlich «akzeptiert», heißt es in einem internen Vermerk von Bundesbildungsministerium und Kultusministerkonferenz (KMK), der der Deutschen Presse-Agentur dpa vorliegt. «Dies bedeutet nicht, dass allen Empfehlungen zugestimmt worden ist», halten die deutschen Vertreter jedoch vorsorglich fest. Auch enthalte der Bericht schließlich «keine neuen Erkenntnisse» für die deutsche Bildungspolitik.

Denn etwa ein Rütteln an der stark zergliederten deutschen Schulstruktur, so wie es etwa die OECD mit dem Ruf nach Integration von Haupt- und Realschulen tut, das möchten vor allem konservative deutsche Bildungsminister nicht - während nach den ostdeutschen Bundesländern nun auch Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und Hamburg diesen Weg gehen. Doch kaum ein Kultusminister hat den Mut, die tradierte deutsche Praxis aufzuweichen, schon zehnjährige Kinder nach verschiedenen Schulformen zu sortieren.

Doch gerade in der frühen Schulselektion der Kinder sieht der Bericht den wesentlichen Grund für die fehlende Chancengleichheit in der deutschen Bildung. In keinem anderen vergleichbaren Industrieland der Welt ist schließlich der Bildungserfolg eines Kindes so abhängig von der sozialen Herkunft wie in Deutschland. Verwiesen wird dabei nicht nur auf die inzwischen zahlreichen PISA-Auswertungen sondern auch auf neuere deutsche wie internationale Studien, die den Zusammenhang zwischen früher Schulformentscheidung und der Förderung von benachteiligten Kindern aus armen Elternhäusern oder Ausländerfamilien eindeutig belegten.

Auch hätten in keinem anderen Industriestaat der Welt die bereits hierzulande geborenen Kinder von Migranten noch schlechtere Bildungschancen als die Kinder, die erst noch ein paar Jahre im Ausland zur Schule gegangen sind, bevor sie mit ihren Eltern nach Deutschland kamen. Die OECD sehe hier «zusätzlichen Reformbedarf», stellen Bundesbildungsministerium und KMK in ihrem internen Vermerk dazu nüchtern fest. Ansonsten war auf deutscher Seite verabredet, zur neuen OECD-Bildungsschelte möglichst zu schweigen - um nicht noch mehr Öl ins Feuer zu gießen.

Denn anders als sonst stammt der neue Bericht nicht aus der Feder des OECD-Bildungsexperten und PISA-Koordinators Andreas Schleicher, den deutsche Kultusminister gern als «Mister Miesmacher» der deutschen Bildung bezeichnen. Mehrfach haben sie vergeblich dessen Abberufung verlangt. Der neue Bericht wurde vielmehr allein von den Wirtschaftsvertretern der OECD-Partnerländer abgestimmt - diesmal unter Federführung Großbritanniens.